Beinschmerzen – Ischias oder aktive Triggerpunkte?

Dr-M-WittkeDer Begriff „Ischias“ oder „Ischialgie“ bezeichnet eine vom Ischiasnerv ausgelöste Beschwerdesymptomatik im Becken-Beinbereich. Meist ist der Auslöser eines echten Ischiasschmerzes ein Bandscheibenvorfall der unteren Lendenwirbelsäule. In der täglichen Praxis ist dies jedoch eher selten der Fall. Mittlerweile wird der Begriff „Ischias“ undifferenziert für die meisten Bein- und Ausstrahlschmerzen ins Bein verwendet und als auslösende Ursache werden ein Bandscheibenvorfall oder andere Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule bzw. dem Hüftgelenk vermutet. Eine Kernspintomographie (MRT) trägt hierbei in den meisten Fällen nicht zur Klärung bei, da viele schmerzfreie Patienten ebenfalls einen Bandscheibenvorfall im MRT aufweisen.

Neben Bandscheibenvorfällen gibt es eine Vielzahl möglicher Auslöser von Beinschmerzen, die weitaus häufiger ursächlich für Schmerzen sind. Eine der häufigsten Ursachen sind myofasziale Triggerpunkte in der Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur sowie Funktionsstörungen des Beckens und der Wirbelsäule. Patienten aller Alters- und Berufsgruppen können hiervon betroffen sein. Langes Sitzen im Auto, körperliche Arbeit oder auch Freizeitsport wie Tennis, Golf etc. können Auslöser für aktive Triggerpunkte in der Muskulatur sein. Dauerhafte Fehlsteuerungen der Muskelfunktion durch unser Nervensystem auch ohne Vorliegen einer neurologischen Erkrankung unterhalten vorhandene Triggerpunkte.


Stoßwellen und Matrix-Rhythmus-Therapie

Oftmals bestehen bereits seit Jahren Funktionsstörungen der Beckengelenke, die letztlich zu einer anhaltenden Fehlbelastung und Fehlsteuerung betroffener Muskeln geführt haben. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich: nicht sauber vom Nervensystem angesteuerte Muskeln verursachen am Gelenk Dysbalancen und Funktionsstörungen, andere Muskeln reagieren darauf mit Verkürzung und Verspannung durch aktive Triggerpunkte. Um Triggerpunkte erfolgreich behandeln zu können, müssen bestehende Funktionsstörungen der Wirbelsäule und des Beckens beseitigt werden. Gleichzeitig kann es erforderlich sein, die betroffenen Muskeln durch gezielte Übungen z. B. physiotherapeutisch mit zu behandeln. Nicht selten sind über Jahre hinweg gebildete Muskeltriggerpunkte jedoch so hartnäckig, dass zusätzlich eine Behandlung mittels fokussierter Stoßwellen (Triggerpunktosteopraktik IGTM) und Matrix-Rhythmus-Therapie durchgeführt werden muss.
Es gibt eine Vielzahl von Muskeln, die bei Vorliegen von aktiven myofaszialen Triggerpunkten Schmerzen im Gesäßbereich auslösen können, die zusätzlich auch in das Bein ziehen. Häufig werden solche Schmerzzustände auch ursächlich auf Hüftgelenksarthrosen zurückgeführt. Zwei besonders häufig an solchen Schmerzgeschehen beteiligte Muskeln sind der Piriformismuskel und der kleine Gesäßmuskel. Ein wesentliches Symptom dieser aktiven Triggerpunkte sind Schmerzen, die aus dem Beckenbereich mitunter in das gesamte Bein ausstrahlen. Oft ist die Symptomatik begleitet von Kribbel- und Taubheitsgefühl.

Figur Illustration fmt


Funktionsstörungen im Bewegungsapparat

Warum können Gelenkfunktionsstörungen und von Triggerpunkten hervorgerufene Beinschmerzen so hartnäckig sein? Ein wesentlicher Grund ist der Umstand, dass sowohl Funktionsstörungen der Wirbelsäule und des Beckens als auch Triggerpunkte über Monate bis Jahre hinweg bestehen und vom Organismus kompensiert werden können, also keine Beschwerden auslösen, ehe durch äußere Bedingungen wie z. B. das Anheben einer Kiste oder das Arbeiten im Garten das Fass zum Überlaufen gebracht wird und Schmerzen entstehen. Der Bewegungsapparat hat sich über den Faktor Zeit an die Funktionsstörungen angepasst, die Fehlfunktion ist längst zum Normalzustand geworden, ungünstige Bewegungsmuster haben sich schleichend entwickelt. Durch die jahrelange Fehlbelastung entwickeln sich degenerative Veränderungen an den Gelenken und Bandscheibenläsionen, die ebenfalls den Schmerz mit unterhalten können. Durch konsequente Therapie der beschriebenen Funktionsstörungen durch hierauf spezialisierte Orthopäden und Manualtherapeuten können unter motiviertem Mitwirken des Patienten auch schwerwiegende Beschwerden erfolgreich gelindert werden. Das Erkennen sogenannter chronischer Verletzungsmuster als eine übergeordnete Ursache von myofaszialen Dysbalancen mit Ausbildung von aktiven Triggerpunkten sowie die Behandlung mittels Injury-Recall-Technique nach Dr. Becker und Dr. Brunck ist in meiner Praxis ein integraler Bestandteil der ursachen­orientierten Therapie von Patienten mit häufig chronischen Schmerzzuständen.

  • Dr. Wittke, Orthopäde und Unfallchirurg

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