Generation Golf – Generation Gesundheit

titelGesundheit ist ein generationenübergreifendes Thema. Ob jung oder alt, Gesundheit geht alle an und ist für jeden Menschen höchstes Gut. Doch jede Generation hat auch ihre eigenen Gesundheitsthemen entwickelt und bewegt. Manche Themen, wie etwa die auf Wasser und Wechselwärme basierenden Ideen des Pfarrer Kneipp, oder die Idee der Reformkost, haben sich über viele Generationen gehalten. Andere Gesundheitstrends verschwanden schon nach wenigen Jahren wieder – und manche, vor allem sehr alte wie Ayurveda oder die Erkenntnisse der Hildegard von Bingen, werden immer wieder neu entdeckt. Genug Grund also, sich mit dem Thema „Generation“ aus gesundheitlicher Perspektive auseinander zu setzen.

Mit einem Blick auf die einzelnen Lebensalter und die damit zusammenhängenden Bedürfnisse und Notwendigkeiten hat die Medizin hier altersspezifische Disziplinen ausgebildet. Neonatologie für die Neugeborenen, Kinderärzte und -ärztinnen kümmern sich bis zum Übergang zur Allgemeinmedizin um die Heranwachsenden und die Geriatrie schließlich nimmt sich des hohen Alters an. Aus medizinischer Sicht wird so dem Wandel des Körpers und seinem Alterungsprozess Rechnung getragen.

Aber mit „Generation“ werden auch gesellschaftliche Zusammenhänge beschrieben. Früher sprach man davon, dass etwa alle 30 Jahre eine Generation auf die nächste folgen würde. Heute, im Zeitalter von Beschleunigung, beschleunigtem sozialem Wandel und Massenmedien, geht man von einem weit schnelleren Generationenwechsel aus. Mit Generation wird nun eine Altersgruppe bezeichnet, die durch gemeinsame „Generationserlebnisse“ geprägt wird, also wichtige politische oder soziale Ereignisse aber auch prägende Trends in Kindheit und Jugend, die einen Einfluss auf ganze Geburtsjahrgänge haben. Schön wird das in Florian Illies Buchtitel „Generation Golf“ deutlich, der damit das starke Jahrzehnt der von Mitte der 1960er bis Ende der 1970er Jahre Geborenen meint. Heute könnte man verkürzt sagen, dass die Generation Bionade mit dem Älterwerden in die Generation „vegan“ übergeht, die die Ernährung völlig ohne tierische Produkte als ideal für Gesundheit und Umwelt gleichermaßen ansieht.


Von Körperertüchtigung bis Trimm-Dich-Fit

Jede Generation wurde und wird mittlerweile auch von eigenen Gesundheitstrends geprägt. Fitness, Wellness und Gesundheitsthemen sind heute altersübergreifend präsente Themen. Es war jedoch ein weiter Weg von Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1787–1862) und seiner körperlichen Ertüchtigung bis zum Fitnessstudio oder sanften Bewegungsarten wie Yoga oder Pilates, die heute Mode sind.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert nahm man „Luftbäder“ stets angezogen. Und auch zum Baden ging man in körperbedeckender Badekleidung und nach Geschlechtern getrennt. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine Reformbewegung, „Lebensreform“ genannt, die eine naturnahe Lebensweise, ökologische Landwirtschaft, Naturheilverfahren, bequeme und natürliche „Reformkleidung“ und vegetarische Ernährung propagierte. Die Ideen von Pfarrer SebastianKneipp (1821–1897) mit seinen Wasserkuren oder die Gründung des ersten Reformhauses 1900 in Wuppertal gehören in diese Generationen. Die Idee, dass körperliche Bewegung, frische Luft und gesunde vollwertige Ernährung der Gesundheit zuträglich sind, setzte sich stetig durch.

Vor allem in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg prägen gesellschaftliche Gegebenheiten die Gesundheitsvorstellungen von Gruppen oder Generationen verstärkt mit. Auf den Mangel der Nachkriegszeit folgten das Wirtschaftswunder und die 1970er Jahre mit ihrer üppigen und schnellen Küche. Tütensuppen oder Dosengemüse gehörten zu den schicken Ernährungstrends der Zeit. Aber es begann auch die Trimm-Dich-Fit Bewegung, um dem Wohlstandsspeck zu Leibe zu rücken.


Generation Gesundheit oder doch Generation Wellness?

Um nochmal Pfarrer Sebastian Kneipp aufzugreifen: Lange waren Anwendungen nach Kneipp, wie etwa das Wassertreten, eher etwas für die ältere Generation. Mittlerweile gibt es sogar in unserer Region Kneipp-Kindergärten, die Gesundheitserziehung für Kinder nach den altehrwürdigen Maßnahmen durchführen, ganz modern und mit viel Spaß und Freude. Die Vorstellung, dass man etwas für die Erhaltung der Gesundheit tun sollte, hat alle Altersgruppen und alle Teile der Gesellschaft erreicht. Von klein auf sollen Menschen zum Gesundheitsbe-wusstsein herangezogen werden. Die Trendlimonade Bionade zeigt hier, wie eine Generation junger Menschen schon beim Süßgetränk auf die Bezeichnung bio achtet. Und die große Zahl an Wellness-Angeboten belegt nicht nur das Bedürfnis nach Entspannung, sondern signalisiert auch ein verändertes Körperbewusstsein, das allen Lebensaltern gerecht wird, vom Kinderyoga bis zum Hormonyoga für Menschen in den sogenannten Wechseljahren (und ja, hier werden auch Männer eingeschlossen, deren Körper sich auch mit zunehmendem Alter hormonell verändert).

Hier ist sicher die Bio-Bewegung, die in den 1970er Jahren ihren Anfang nahm, der wichtige Auslöser. Es geht jedoch nicht mehr nur um gesunde Ernährung, sondern auch die Sorge um die Umwelt spielt eine große Rolle. Ernährung und Gesundheit werden heute viel ganzheitlicher betrachtet, als das frühere Generationen taten. Auch weil man heute die Möglichkeit der Wahl hat und zumindest in Deutschland selten Mangel leiden muss.


Gesundheit als Ersatzreligion?

Allerdings kann all das auch in Ungesundes umschlagen. Hat man früher, als Zigaretten noch als cool und mondän galten, werdende Mütter über die Gefahren von Nikotin und Alkohol in der Schwangerschaft aufklären müssen, so warnen Ärzte heute dringend vor Diäten, mit denen viele Frauen auch in der Schwangerschaft einen möglichst schlanken Körper erhalten wollen. Der Kölner Psychiater und Theologe Manfred Lütz beklagte jüngst in der WELT, „dass viele Menschen ihr Leben verpassen, weil sie nur noch damit beschäftigt sind, gesund zu bleiben.“ Er stellte fest, dass es Menschen gebe, „die nur noch vorbeugend leben und nicht begreifen, dass Gesundheit nur eine Rahmenbedingung für das Leben ist, aber eben nicht das Leben selbst.“

Dieses übertriebene Streben nach Gesundheit bezeichnet der Psychiater als Ersatzreligion. Und wenn man hört oder liest, wie vehement manche Ernährungs- oder Bewegungsvorstellungen vertreten und für die Allgemeinheit ausgerufen werden, dann beschleicht einen tatsächlich das Gefühl, es mit Sekten oder Eiferern zu tun zu haben. Und auch hier lässt sich ein Generationenfenster abstecken, das von weiblichen Teenagern bis in die 50er Lebensjahre reicht.

Gesundheitserziehung und Gesundheitsbewusstsein sind wichtige Errungenschaften. Aber eines gehört zu einem gesunden Lebensstil in jedem Alter und in jeder Generation unbedingt dazu:

Lebensfreude und auch Spaß am Genuss.

  • Andrea Hoffmann

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